Warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun?

Warum können wir uns nicht einfach erholen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Oft stecken unbewusste Ängste dahinter. Doch die lassen sich auflösen.

Dauerstress

Wenn selbst die Erholung Stress macht.

Stell Dir vor, es ist Sonntag. Du hast eine anstrengende Woche hinter Dir und freust Dich darauf, endlich einmal nichts zu tun. Keine Termine, keine Verpflichtungen, keine Aufgaben, die unbedingt erledigt werden müssen.

Du liegst auf dem Sofa, schaust eine Serie oder scrollst durch Dein Handy. Eigentlich könntest Du diesen Tag genießen.

Doch irgendwann verändert sich Deine Stimmung.

Du schaust auf die Uhr und stellst fest, dass es schon Nachmittag ist. Plötzlich fallen Dir all die Dinge ein, die Du heute noch erledigen könntest. Die Wäsche, der Haushalt oder die Aufgabe, die Du schon seit Tagen vor Dir herschiebst.

Und dann meldet sich diese innere Stimme: „Jetzt hast Du schon wieder den halben Tag nichts geschafft.“

Obwohl Du Dir vorgenommen hattest, Dich zu erholen, stehst Du schließlich doch auf und erledigst wenigstens noch eine Kleinigkeit.

Nicht unbedingt, weil sie wichtig ist, sondern weil Du Dich anschließend besser fühlst.

Aber warum fällt es uns eigentlich so schwer, uns selbst die Erlaubnis zu geben, nichts zu tun?

Wenn Nichtstun zum Problem wird

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die unglaublich viel leisten, Verantwortung übernehmen und sich selbst hohe Ziele setzen. Sie wissen durchaus, dass Erholung wichtig ist, und würden vermutlich jedem anderen Menschen empfehlen, nach einer anstrengenden Woche einfach mal die Füße hochzulegen.

Nur bei sich selbst funktioniert das nicht.

Besonders interessant finde ich, dass viele Menschen gar nicht unter dem Nichtstun selbst leiden, sondern unter dem, was sie darüber denken.

Ein Beispiel aus meiner Coachingarbeit hat mich dazu angeregt, mich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Eine Person beschreibt eine Situation, in der sie erschöpft im Bett liegt und längere Zeit durch Social Media scrollt. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, an diesem Tag noch einiges zu erledigen. Immer wieder denkt sie daran, endlich aufzustehen, schaut sich dann aber doch noch ein weiteres Video an.

Als ihr Partner nach Hause kommt und sie immer noch im Bett vorfindet, schämt sie sich.

Was ich daran besonders interessant finde: Solange sie allein war, konnte sie ihr Verhalten zumindest teilweise vor sich selbst rechtfertigen. Erst als ihr Partner nach Hause kam, wurde das unangenehme Gefühl besonders deutlich.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie sich auch an anderen freien Tagen schlecht fühlte, wenn sie nicht produktiv war.

Dabei hatte sie sich die ganze Woche darauf gefreut, endlich einmal Zeit für sich zu haben.

Wie kann es sein, dass wir uns etwas wünschen und uns gleichzeitig schlecht fühlen, sobald wir es uns erlauben?

Was befürchten wir eigentlich, wenn wir nichts tun?

An dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Denn häufig versuchen wir, unser Verhalten zu verändern, ohne zu verstehen, was uns eigentlich antreibt.

Wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal entspannter zu sein, weniger auf unsere innere Stimme zu hören oder uns bewusst Zeit für Erholung einzuplanen.

Doch das schlechte Gewissen bleibt.

In meiner Arbeit mit Introvision interessiert mich deshalb eine andere Frage:

Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn ich heute nichts mehr schaffe?

Die Antworten darauf können sehr unterschiedlich ausfallen.

Vielleicht befürchte ich, dass andere mich für faul halten. Vielleicht möchte ich niemanden enttäuschen oder habe das Gefühl, meine Aufgaben nicht im Griff zu haben.

Möglicherweise entsteht aber auch ein unangenehmes Gefühl, weil ich meine eigenen Erwartungen nicht erfülle.

Und manchmal geht es noch eine Ebene tiefer.

Dann ist es nicht mehr die unerledigte Aufgabe, die uns belastet, sondern die Vorstellung, etwas nicht zu schaffen.

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Für unser inneres Erleben kann er allerdings entscheidend sein.

Warum der richtige Satz so wichtig ist

In dem beschriebenen Coaching haben wir deshalb verschiedene Befürchtungen genauer betrachtet.

Drei Formulierungen standen zur Auswahl:

  • Es kann sein, dass ich es nicht hinkriege.

  • Es kann sein, dass ich versage.

  • Es kann sein, dass ich etwas nicht schaffe.

Inhaltlich liegen diese Sätze sehr nah beieinander. Trotzdem lösten sie ganz unterschiedliche innere Reaktionen aus.

Während die ersten beiden Formulierungen vergleichsweise moderate Reaktionen hervorriefen, wurde die dritte auf einer Belastungsskala von null bis zehn mit einer Sieben bewertet.

„Es kann sein, dass ich etwas nicht schaffe.“

Das war der Satz, bei dem die Person besonders deutlich reagierte.

Und genau deshalb ist es so wichtig, nicht vorschnell anzunehmen, wir hätten die Ursache eines Problems bereits verstanden.

Zwei Menschen können dasselbe Verhalten zeigen und trotzdem völlig unterschiedliche Befürchtungen damit verbinden.

Der eine arbeitet auch am Wochenende, weil er niemanden enttäuschen möchte. Ein anderer kann sich keine Pause erlauben, weil er befürchtet, die Kontrolle über seine Aufgaben zu verlieren. Und wieder jemand anderes verbindet das Nichterledigen einer Aufgabe mit dem Gefühl, persönlich versagt zu haben.

Von außen sieht das Verhalten ähnlich aus. Innerlich kann jedoch etwas völlig anderes passieren.

Was unsere vier Kernängste damit zu tun haben

In meiner Arbeit mit Introvision unterscheide ich vier Kernängste, die hinter unseren belastenden Gedanken und Reaktionen stehen können:

  1. Die Angst, hilflos zu sein.

  2. Die Angst, nicht gut genug zu sein.

  3. Die Angst, nicht liebenswert zu sein.

  4. Die Angst vor dem Sterben.

Diese Ängste müssen uns im Alltag überhaupt nicht bewusst sein. Häufig bemerken wir lediglich ihre Auswirkungen.

Wir arbeiten länger, obwohl wir erschöpft sind. Wir versuchen, es allen recht zu machen, obwohl wir selbst kaum noch Energie haben. Oder wir können einen freien Tag nicht genießen, weil wir ständig darüber nachdenken, was wir eigentlich erledigen sollten.

Im beschriebenen Beispiel deutete die Arbeit mit den persönlichen Befürchtungen auf die Angst hin, nicht gut genug zu sein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass hinter jedem schlechten Gewissen beim Nichtstun dieselbe Kernangst steckt.

Entscheidend ist immer, was der einzelne Mensch persönlich mit einer Situation verbindet.

Und genau das macht diese Arbeit für mich so spannend.

Warum gute Vorsätze häufig nicht ausreichen

Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich ständig etwas leisten muss, um mich gut zu fühlen, kann ich mir natürlich vornehmen, künftig häufiger Pausen einzulegen.

Vielleicht blockiere ich mir sogar feste Erholungszeiten im Kalender.

Doch was passiert, wenn ich während dieser Pause ständig daran denke, was ich eigentlich noch erledigen müsste?

Mein Körper sitzt möglicherweise auf dem Sofa, während ich innerlich bereits die nächsten Aufgaben abarbeite.

Die eigentliche Erholung bleibt aus.

Deshalb reicht es manchmal nicht, ausschließlich das Verhalten zu verändern.

Mit Introvision arbeite ich an den tiefer liegenden Befürchtungen, die solche inneren Reaktionen auslösen. Dabei lernen Menschen, ihre Gedanken, Gefühle und körperlichen Reaktionen wahrzunehmen, ohne sie verändern oder verdrängen zu müssen.

Ziel ist es, dass die belastenden inneren Reaktionen nachlassen und die bisherigen Verhaltensmuster ihren inneren Antrieb verlieren.

Dabei geht es nicht darum, plötzlich weniger leistungsorientiert zu sein oder keine Verantwortung mehr übernehmen zu wollen.

Es geht darum, wieder frei entscheiden zu können.

Wie wäre es, wenn Du nichts mehr leisten müsstest, um Dich gut zu fühlen?

Stell Dir vor, Du liegst an einem Sonntagnachmittag auf Deinem Sofa.

Du hast nichts Besonderes vor und auch noch einige unerledigte Aufgaben.

Aber diesmal entsteht kein schlechtes Gewissen.

Du kannst einfach liegen bleiben, weil Du gerade Lust darauf hast. Und wenn Du später doch noch etwas erledigen möchtest, tust Du es, weil Du Dich bewusst dafür entscheidest.

Nicht, weil Dich eine unangenehme innere Stimme dazu antreibt.

Vielleicht liegt genau darin ein wesentlicher Unterschied zwischen gesunder Leistungsbereitschaft und dem Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.

Nicht darin, wie viel wir schaffen, sondern darin, ob wir selbst entscheiden können, wann wir etwas tun und wann wir es lassen.

Und deshalb möchte ich Dir zum Schluss eine Frage stellen:

Was befürchtest Du eigentlich, wenn Du Dir erlaubst, einfach mal nichts zu tun?

Weiter
Weiter

Psychische Entlasung ist steuerbar.